Als ich einmal James Ellroy interviewen sollte

von Wolfgang Franßen

Es gibt Momente im Leben, die sind unweigerlich passé. Vor allem, wenn es gilt, einen Schriftsteller zu treffen, dessen Werk einen seit Jahrzehnten fasziniert. Dass es nicht einfach mit James Ellroy werden würde, da er als Journalistenfresser bekannt ist, konnte nur eines bedeuten: Ich musste mich auf das Interview bis ins Kleinste vorbereiten, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wie das mit der Realität  bei einem Schriftsteller ist. Bei jemandem, der den Kennedymord zu einer Trilogie nutzt, von dem damals gerade der Schlussband „Blood’s a Rover“ auf Deutsch erschienen war.

     Einem Schriftsteller, der von seinem Land behauptet, es sei noch nie unschuldig gewesen. Nicht selten nimmt die deutsche Verklärung über den Stand der Beziehungen zu den USA überhand. Geprägt von blindem Heimweh nach einer glorreichen Vergangenheit, den großen Weiten, dem westlichen Hüter der Demokratie. James Ellroy war stets der Überzeugung, dass die Wahrheitsfindung über die zurückliegenden Jahrzehnte einem liebgewonnenen, aber verschwommenen Blick unterliegt. Die Seligsprechung JFKs auf seinem guten Aussehen und einer Prise anrüchigem Sex beruhte. In den 60ern hatten sie alle das Glück, dass die Überwachung mittels Twitter und Smartphones noch nicht existierte. Es durfte noch Geheimnisse geben, Mythen entstehen. Was Ellroy, angesichts halbseidener Gauner, Erpressern und korrupten Polizisten ein Amerika beschreiben lässt, das nur deswegen zum heimlichen Vaterland aufsteigen konnte, weil wir nur den Griff nach den Sternen, die erste Mondlandung und nicht die Gosse sehen wollten. Während Ellroy über die schlechten Menschen am Rand schrieb, die keine „Weltklassefrisur“ wie JFK besaßen. Nach all dem hätte ich ihn fragen wollen.

     Nur leider saß ich im falschen Hotel. Aufgeputscht von der Begegnung, präpariert mit Fragen wie: Verändert sich der Blick auf die wahren Geschehnisse nicht, wenn ein von Obsessionen besessener Schriftsteller seine eigene Vergangenheit erfindet? Wahrscheinlich hätte er mich angeschrien, sich meine Belege aus seinen Romanen nicht mal angehört, wäre auf Beethoven ausgewichen oder hätte zu einer langen Tirade angesetzt, dass die Presse nun einmal gar nichts von seinem Werk versteht, um die Tür hinter sich zuzuschlagen.

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