IM RÄDERWERK DER GESCHICHTE(N)

Die Arbeit des Kriminalschriftstellers zwischen Fiktion und Wirklichkeit

von Robert Brack

Die Dame rückte näher an mich heran, legte eine Hand auf meinen Unterarm und flüsterte mir ins Ohr: "Ich würde auch gerne jemanden umbringen." Sie war zweifellos schon in Rente und wirkte ganz harmlos, aber sie lachte nicht. Die meisten lachen, meinen es nicht ernst, sondern beziehen sich auf die Arbeit des Kriminalschriftstellers: Der schreibt seine Mordgeschichten, um sich von einer Seelenlast zu befreien, so stellen sie sich das vor. Und liegen damit ganz falsch. Aber wenn so ein Erfinder von Bluttaten nicht seine heimlichen verbrecherischen Gelüste auslebt, warum hat er dann dieses Genre gewählt?

     Vor allem, jedenfalls trifft das auf mich zu, will er sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Verbrechen sind gesellschaftlich nicht erwünscht, wenn sie doch stattfinden, stimmt irgendetwas nicht. Viele Krimi-Autoren, egal ob sie Polizeiromane oder Psychothriller schreiben, historische Themen oder Gegenwartsstoffe beackern, arbeiten ähnlich wie Detektive. Sie wollen herausfinden, was falsch läuft oder falsch gelaufen ist, die Gründe aufdecken und vielleicht sogar die Schuldfrage klären. Jedenfalls wenn sie ernsthaft arbeiten und nicht nur auf die Bestsellerlisten schielen.

     Eine Kriminalgeschichte ist zuallererst natürlich eine Fiktion. Selbst wenn ein Autor sich reale Fälle vornimmt, wie ich es mit meinen letzten drei Büchern getan habe, muss er sie romanhaft bearbeiten – Spannung ist das Mindeste und interessante Charaktere brauchen schwierige Herausforderungen. Doch wie kann ich einen historischen Stoff authentisch wiedergeben, wenn die handelnden Personen längst tot sind und nicht mehr befragt werden können? Nimmt man den Fall ernst, muss man die Toten trotzdem sprechen lassen. So wie Archäologen aus den Scherben von Vasen oder irgendwelchen Knochen Geschichte lesen, lese ich aus hinterlassenen Dokumenten Geschichten heraus. Schicksale, Motive und Zusammenhänge müssen bis ins Detail erforscht sein, bevor ein historischer oder zeitgeschichtlicher Stoff erzählt werden kann. Bei meinen letzten drei Romanen stellte sich außerdem die Frage nach der Verantwortung für das Erzählte.

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