Die Unsichtbaren im Blick

von Else Laudan

Über die realen Machenschaften der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, über ihre Gier und deren Auswirkungen auf menschliches Leben erfährt man heute aus guten Kriminal- und Verbrechensromanen deutlich mehr Wahres, mehr Hintergrund und mehr Konkretes als aus den offiziellen Medien. Lassen wir den alarmierenden Aspekt, dass in der "Vierten Gewalt" der Demokratie Aufklärung – im besten, in jedem Sinn – kaum noch stattfindet und sich in den Bereich des fiktiven Erzählens verdrängt findet, mal beiseite und betrachten die beeindruckende Blüte, die dem Genre da gewachsen ist.

     Noirs und Kriminalromane bringen in leidenschaftlichen Erzählungen an den Tag, wo und wie im Namen von Fortschritt und Zivilisation abgesahnt, betrogen, ausgetrickst, zerstört und getötet wird. Die großen Verbrechen und Intrigen der nach Macht und Gewinn strebenden Eliten, Aufsteiger und Erfüllungsgehilfen bilden einen weltweiten Sumpf, in dem die Anstrengungen der Redlichen, der Aufrechten und der Unbedarften untergehen, sodass sie ebenso spurlos verschwinden wie die Frauen aus der Geschichte.

     Wer in der – fiktionalen wie sachlichen – Geschichtsschreibung der Menschheit abseits von Modefragen und Dekorationsfiguren nach dem weiblichen Teil der Erdbevölkerung sucht, muss auf feministische Literatur zurückgreifen. Denn die Mainstream-Betrachtung des Zeitgeschehens reflektiert die Hegemonie seiner Herrschaftsverhältnisse, indem die sichtbar gemachten Akteure überwiegend, ja fast ausschließlich aus christlich gebildeten männlichen Weißen bestehen (die vielleicht 5% der Weltbevölkerung ausmachen), und alles dreht sich scheinbar um ihre ach so vernünftigen Interessen und Konflikte. Doch in dieser unsere Kultur drastisch prägenden Lesweise des Zeitgeschehens, die unsere Geschichtsschreibung ebenso manipuliert wie unsere Gegenwartsdeutung, gibt es ein schreckliches Übermaß an blinden Flecken, an Verdrängtem und Verschwiegenem.

Kriminal- und Verbrechensliteratur als Gegengeschichte

Schon seit Langem (Hammett, Chandler et al.) machen Kriminal- und Verbrechensromane das, was in diesem Schweigen alles verborgen bleibt, zu ihrem Thema. Durch die Krimis unserer Autorinnen zieht sich dieser Ariadnefaden. Wer ihm folgt, begibt sich ins Labyrinth der im kulturellen Mainstream nicht präsenten Wirklichkeiten. Wo es ums Zeitgeschehen geht, werden recherchierte Fakten zu packend erzählten Panoramen menschlichen Lebens verwoben und so dem Dunkel des Schweigens entrissen. In der Fiktion der Kriminal- und Verbrechensliteratur formiert sich so eine Gegengeschichte. Und in ihren erfundenen Plots steckt viel weniger Illusion als in der kolportierten Geschichtsschreibung wie auch Berichterstattung.

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