Windhoeker Bescherung

von Bernhard Jaumann

Natürlich wussten es nachher alle besser. Vielleicht hatten sie auch Recht, wenn sie sagten, dass Kohler drei wesentliche Fehler begangen hätte. Erstens halte man nach zweiundzwanzig Uhr in Windhoek bei roten Ampeln grundsätzlich nicht an, zweitens hätte Kohler gar nicht mit ihr zu reden beginnen dürfen, und schließlich hätte er alle beide durch den Wachmann so zusammenschlagen lassen sollen, dass sie es noch in Monaten spüren würden. Das sei die einzige Sprache, die solche Leute verstünden.

     Möglich, nur Kohlers Sprache war das nicht. Selbst wenn die eine nicht schwanger gewesen wäre, selbst wenn es sich nicht um zwei Frauen gehandelt hätte, hätte er das nicht tun können. Es lag gar nicht so sehr an seiner Überzeugung, dass, wer prügelt, Unrecht hat. Ihn graute einfach die Vorstellung, einem anderen Menschen die Faust ins Gesicht zu schlagen. Er fürchtete, dass er danach nicht mehr er selbst wäre. Vielleicht war er da zu empfindsam, ein mitteleuropäischer Gutmensch, der nicht wissen wollte, was wirklich in der Welt ablief. Zu denken gab ihm im Nachhinein, dass die beiden Gewalt anscheinend erwartet hatten. Don´t beat me! hatte die auf dem Vordersitz gesagt. Zu ihm! Zweimal. Don´t beat me! Und das am Weihnachtsabend. Am Fest der Liebe und des Friedens. Kohler schüttelte den Kopf.

     Um elf Uhr nachts hatte der Weihnachtsgottesdienst in der Christuskirche begonnen. Kohlers Frau war mit den Kindern schon nachmittags dort gewesen, doch er hatte die Christvesper vorgezogen. Seine Frau hatte ihn überrascht angesehen, als er erklärt hatte, dass das für ihn genauso zu Weihnachten gehöre wie Lametta, Pfeffernüsse und die Demonstration freudiger Überraschung beim Auspacken der Geschenke. Es stimmte schon, Kohler gab sonst nicht viel auf Traditionen, doch diesmal war ihm eben danach gewesen. Die richtige Stimmung hatte sich trotzdem nicht einstellen wollen. Vielleicht, weil er nun in einem fremden Land lebte, das er nicht verstand. Auf der anderen Hälfte der Erdkugel, bei Temperaturen, die alles andere als weihnachtlich waren. Den ganzen Tag über hatte die Sonne unbarmherzig aus einem wolkenlosen Himmel gebrannt. Selbst am Abend hatte es nicht abgekühlt. Im Gegenteil, die Luft schien noch drückender, sobald die Sonne in einem Aufschrei aus Orange-, Rot- und Violetttönen untergegangen war und nur ihre Hitze zurückgelassen hatte. Selbst um zwölf Uhr nachts strahlten die Mauern der Christuskirche wie riesige Heizkörper auf die Gemeinde ein. Kohler schwitzte aus allen Poren.

  weiterlesen