Liebe Leserinnen und Leser,

wie oft müssen wir uns angesichts der Realität kneifen und nicht selten folgt der Spruch, hätte ich das in einem Film gesehen oder in einem Buch gelesen, ich würde denken, da hat sich aber ein feiner Spinner was ausgedacht. Die goldene Regel lautet: Die Realität erfindet die besten Geschichten. Es lohnt sich also zu recherchieren und ihr so viele Geschichten wie möglich abzuringen. Die neue Ausgabe der Polar Gazette stellt die umgekehrte Frage, wie steht es um die Realität, wenn sie in die Fiktion fällt. Wie dicht halten sich Autoren/Innen an die Fakten, an die vermeintliche Wahrheit. Bewegen Autoren/Innen sich auf das Feld der Politik, betreten sie vermintes Terrain. Sicher dürfen sie behaupten, dass alles, was da auf dem Papier steht, nicht den wahren Begebenheiten entspricht. Mancher fühlt sich regelrecht dazu genötigt vorauszuschicken, dass alle Personen in einem Roman frei erfunden sind, um einer möglichen Klage zu entgehen.

     Thomas Wörtche wirft in seiner Kolumne „Politik, Zeitgeschehen und Thriller“ die Frage auf, wie die Sicht auf politische Ereignisse davon abhängt, in welcher Zeit, in welcher Gesellschaft ein Autor lebt, wie sehr seine politischen Ansichten eine Rolle spielen. Dass Engagement, Einmischung, eine kluge Analyse der gesellschaftlichen Verwerfungen der Ursprung allen Erzählen ist, zeichnet Else Laudan in „Die Unsichtbaren im Blick“ an der Geschichte der Autorinnen im Genre des politischen Kriminalromans wie Thriller nach. Carsten Germis führt in „Tokios Mann für die speziellen Morde“ ein Interview mit dem Chef des Tokioer Morddezernats und nähert sich in „Das Böse geht, das Böse bleibt“ dem fiktiven Spiel eines Mordes an Adolf Hitler an. Egal ob Olof Palme oder De Gaulle, egal ob ein Attentat erfolgreich war oder im letzten Moment verhindert wurde, für Michaela Hövermann eröffnet sich in „Zwischen Wahrheit und Mythos“ bei Forsyth und Leif G.W. Persson mehr als nur ein spannender Plot. Doch wie steht es erst um die Realität, wenn sie einem die Geschichte geradezu aufdrängt? Wenn, wie in Jörg Walendys Essay „Politisches Gift“, der Tod Yasser Arafats immer wieder neue Mordmythen herausfordert. Nicht zuletzt gibt es da auch noch James Ellroy, der ungeniert das ganze Tableau des Kennedytraumas zu einem mehrbändigen Opus ausbaut, und dessen Antworten wir alle zu kennen glauben. Selbst wenn man vergeblich wie in „Als ich James Ellroy interviewen sollte“ auf ihn wartet. Alles ist Stoff der Fiktion. Selbst das Spiel von Frage und Antwort. Selbst das Leben eines Autors. Robert Brack schließlich nimmt sich selbst in die Pflicht. In „Im Räderwerk der Geschichten“ beschreibt er minutiös sein Erforschen der Zeitgeschichte und seine Verantwortung für das Erzählte.

     Kein Pfad durchs Genre ist so desperat wie der des Polit-Thrillers. Gute Autoren/Innen lassen einen wütend zurück. Gute Autoren/Innen fesseln uns mit einem spannenden Plot an unsere Sicht auf die Welt. Je mehr das, was geschehen ist, uns betrifft, desto weniger können wir uns entziehen. Vor allem in einer Zeit, in der die Politik zum Event verkommen ist.

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette