Friedhof der Utopien, strahlend schön

von Jörg Walendy

Algier. Kaum drei Flugstunden. Europäisches Antlitz aus getünchtem Stein, verzierten Bauten und schmiedeeisernen Balkons. Davor das Meer und die Berge des Atlas im Rücken.

     Die Stadt ist ein Nicht-Ort unserer Wahrnehmung und unserer Sehnsüchte. Boualem Sansal mit seinen verklausulierten Anklagen gegen das allgegenwärtige System des „Tiefen Staates“, gegen „le Pouvoir“,  ist nur schwer lesbar ins Deutsche zu übertragen, Yasmina Khadras Kriminalromane aus dem Algier der frühen 90er Jahre, die Sorgen seiner Helden und Schurken vor dem Hintergrund des erst aufziehenden Islamismus nicht mehr aktuell in einer Welt, in der die arabische Revolution schon die unterschiedlichsten Jahreszeiten hervorgebracht hat.

     Die Stadt ist uns scheinbar fremd, das Land der „schwarze Fleck am Mittelmeer“. Es soll Geographen geben, die es auf der Landkarte mit Libyen verwechseln. Und aus literarischer Sicht zu sonnig, zu mediterran, zu orientalistisch, um dunklen Trieben, Verlangen und kalter Spannung eine Bühne zu bieten. Algiers Vergangenheit als Seeräuberstaat, Geiselnehmer von Miguel de Cervantes oder Schlachtfeld des Anti-Kolonialismus ist verblasst. Auch an die deutschen Kofferträger der Adenauer-Zeit und deren Operation à la Jean-Pierre Melville erinnern wir uns kaum. Und dabei hat tatsächlich einmal unter jedem Stein ein Toter oder eine Bombe gelauert. Von Gillo Pontecorvo im Stil des Neoverismo meisterhaft festgehalten. La Battaglia di Algeri.

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