Südländische Lebensart, nostalgisches Flair

von Michaela Hövermann


Handlungsschauplatz Italien. Das setzt sofort bestimmte Assoziationen frei. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht augenblicklich an Mafia, Korruption und das Dolce Vita denkt. Denn das berühmte italienische Lebensgefühl darf bei allem Realismus natürlich nicht fehlen. Aktuelle soziale, wirtschaftliche und politische Probleme aufzugreifen und mit einer spannenden Krimi-Handlung zu einem Ganzen zu verflechten, ohne entweder in Klischees zu verfallen oder den Unterhaltungscharakter aus den Augen zu verlieren, ist große Kunst.

Wer sich für Italien-Krimis begeistert, kommt an der amerikanischen Schriftstellerin Donna Leon ebenso wenig vorbei wie an den Briten Michael Dibdin und Magdalen Nabb. Doch es gibt auch deutsche Autoren, die sich auf italienische Regionen konzentrieren, Schlaglichter auf die moderne Gesellschaft werfen und Lesende mit unerwarteten Inhalten konfrontieren.

Veit Heinichen führt uns in seinen Kriminalromanen rund um den Ermittler Commissario Proteo Laurenti in das von Pluralismus geprägte Triest an der Adria. In „Die Toten vom Karst“ widmet er sich – geschickt verpackt – zugleich einem Stück erschütternder europäischer Geschichte: Die Foibe, die die Stadt umgebenden Schachtschluchten, waren Ende des Zweiten Weltkriegs Ort grausamer Kriegsverbrechen und werden erneut zum Tatort für ein mit besonderer Grausamkeit ausgeführtes Verbrechen…

Eine andere Richtung schlägt Bernhard Jaumann ein: Seine Krimi-Trilogie spielt in einem winzigen italienischen Bergdorf namens Montesecco in den italienischen Marken, wo jeder jeden kennt. Die verschworene Dorfgemeinschaft ist auf einen Bestand von rund zwei Dutzend geschrumpft – und doch machen in unserer globalisierten Welt die großen Verbrechen vor der kleinen, sterbenden Ortschaft nicht Halt: Ein Bombenanschlag lässt das beschauliche Örtchen zum Tatort werden. Es ist ein melancholischer Blick auf Landflucht, Dorfsterben, aber auch ein leiser Lobgesang auf die Macht der „kleinen Leute“, Verbundenheit und Gemeinschaft.

Die Liebe beider Autoren zu Italien spiegelt sich in atmosphärisch-dichten Beschreibungen und dem liebevollen Blick auf Land und Leute. In Metropole und Provinz erzählen sie von Schattenseiten, von Rivalität, Feindschaft, Terror, Hass, aber auch von Zusammenhalt und Zukunft. Dabei greifen sie gesellschaftlich und wirtschaftspolitisch brisante Fragen auf. Zentral ist dabei die Wahl ihrer Tatorte: einmal der historisch bedeutsame Karst, einmal ein sterbendes Dorf als Spiegel des demographischen und wirtschaftspolitischen Wandels.

    weiterlesen