Zuhause im Gestern

von Wolfgang Franßen

Paris. Dieser mythische Ort, der manchen Ausländer dazu verleitet, zu überteuerten Preisen sich ein zweites Standbein mittels Eigentumswohnung zuzulegen. Um in den Cafés den abgestandenen Mief von Sartre, Rimbaud und Georges Moustaki zu suchen, via iPod der Piaf zu lauschen oder im Grand Palais stolz eine Eintrittskarte für eine Lagerfeld-Show zu präsentieren. Welch traumhafter Ort, all das zu finden, was museal in unseren Gefühlen hängengeblieben ist. Paris als Hort der Rebellion, als Chambre séparée in unseren alltäglichen Bemühungen nicht aufzufallen.

     Zur Zeit Léo Malets lebten dort in allen Arrondissements sogar noch Pariser. Er genoss die klassische Ausbildung eines Clochards, der seinen Hunger dadurch bekämpft, dass er hinsieht, hinhört und lernt, die Welt nicht zu verachten. Zu überleben lernt. Sei es als Surrealist, weil die eigene Realität hoffentlich einen doppelten Boden besitzt. Sei es als Chansonnier, weil die Musik den Durst erträglich macht. Sei es als Filmstatist oder Journalist, der sich bemüht, etwas zu erklären, was nicht zu erklären ist: das anarchistische Gefühl, dass die Freiheit in Paris einen doch eher unterdrückt. Was für ein Anachronismus, wenn wir heute mit Jacques Dutronc Paris s'éveille singen.

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