Tokio, reloaded

von Carsten Germis

Für den preisgekrönten englischen Krimiautor David Peace ist der Ort, an dem seine Romane spielen,  mindestens so wichtig wie der Plot. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher, als in seiner Trilogie über die japanische Hauptstadt Tokio.

"Setting", der Ort, an dem die Geschichte spielt, ist wichtig für den Kriminalroman. Hier leben die Figuren, hier atmen sie, hier bewegen sie sich. Der Ort der Handlung bestimmt zudem das Denken. Wie wichtig "setting" ist, lässt sich an der Tokio-Trilogie des englischen Krimiautors David Peace sehen. Peace ist bekannt geworden durch sein "Red Riding Quartett".  Diese Krimis "1974", "1977", "1980" und "1983" spielen vor dem Hintergrund der Morde des sogenannten Yorkshire-Rippers in Nordengland. Peace gelingt mit seinen von der Kritik begeistert gelobten, bei vielen Krimilesern wegen ihrer experimentellen Sprache aber umstrittenen Romanen, ein beeindruckendes Porträt seiner nordenglischen Heimat während der ersten Jahre der Thatcher-Revolution.  Korruption, Gewalt – wer die Romane liest, bekommt genau die antikapitalistische Kritik, die in diesen Zeiten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur noch im Noir eine Stimme zu haben scheint. Die Bücher von Peace leben dabei vom Ort der Handlung fast mehr, als vom Plot.

     Das gilt noch stärker für seine Tokio-Trilogie. Band 1 und 2 sind bislang erschienen, "Tokio im Jahr Null" 2007 und "Tokio, besetzte Stadt" 2009. Der dritte Band "Tokio reloaded" ist zwar seit langem angekündigt, lässt aber auf sich warten. Wie es jetzt heißt, wird er auf Englisch voraussichtlich im kommenden Jahr erscheinen. Peace glaubt, dass verschiedene Städte mit der Zeit mit ganz bestimmten Deutungen und Bedeutungen aufgeladen werden. "Ich habe das eindeutig in Tokio gespürt", sagt er. 1994 ist Peace, wie so viele seiner Landsleute, in die japanische Hauptstadt gezogen und hat an einer der vielen Sprachschulen Englisch unterrichtet. Kurz vor der Vorstellung der deutschen Übersetzung von "Tokio im Jahr Null" im Herbst 2009 in Berlin beschlossen er und seine japanische Frau, mit ihren Kindern nach Nordengland zu ziehen. Lange hat Peace es dort nicht ausgehalten. Wie es heißt, fiel ihm das Schreiben in Tokio leichter – der internationale Erfolg des Red Riding Quartetts hat es  ihm möglich gemacht, den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen. Seit fast zwei Jahren lebt er jetzt wieder in Japan – ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass der letzte Band der Tokio-Trilogie wirklich bald erscheint.

  weitere lesen