Countdown in Selm

von Anne Chaplet

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Du kannst mich totschlagen, aber ich gehe nicht über den Brink.

Das ist das erste Gebot: Du darfst die Totenruhe nicht stören. Und das zweite: Du darfst nicht über Gräber gehen.

Und deshalb mach ich einen Umweg. Immer.

Das macht sie wahnsinnig.

Weil sie es nicht verstehen. Dass es in mir hämmert und klopft und schreit.

Man darf nicht über Gräber gehen. Die Toten mögen das nicht. Sie wehren sich. Sie recken sich da unten und strecken sich und versuchen nach oben zu stoßen. Aber sie können nicht. Weil der verdammte Möbelbunker obendrauf steht, da, wo der alte Friedhof war. Und der Scheißparkplatz und die Sparkasse und der Edeka.

Ich höre sie stoßen und schreien und heulen in meinem Kopf. Weil ihnen ein Bein fehlt oder beide oder die Arme oder die Rippen. Die haben sie ihnen weggenommen, als sie die Gräber aufgerissen und die Särge zerschlagen haben. Die fehlen jetzt.

Es schreit auch bei der Friedenskirche. Da liegt der unbekannte Soldat oder was von ihm übrig ist. Im Seitenschiff. Die Ohren muss ich mir zuhalten, wenn ich da langgehe.

»Tote schreien nicht«, hat Mama behauptet, als ich mal was gesagt habe. »Wenn man tot ist, ist man tot.«

Ist man nicht.

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