Infamous New York

von Thomas Wörtche

Schon Gilbert Keith Chesterton wusste, dass der Kriminalroman die adäquate literarische Form ist, um mit großen Städten umzugehen. Nicht, weil er von besonders rüden Verbrechen erzählt (die gibt´s in jeder Abstufung von Bestialität auch auf dem Land, in der Provinz, im Outback), sondern weil er die besondere Qualität hat, die „Poesie“ der Großstadt zu erkennen, sie in Prosa zu verwandeln und in der cité lumière Schwarzlichteffekte zu beschwören.

     Unter allen Städten dieser Welt ist New York immer noch die Metropolis, Gotham, der Big Apple, einzigartig, unvergleichbar. Ein Sehnsuchtsort und konkrete Topographie. Man kann ihre Geschichte eigentlich nur als Kriminal-Historie schreiben, würde man einen anderen Ansatz suchen, man endete immer wieder bei den Territorien und Revieren der Gewalt und des Verbrechens, egal, wie sich deren Parameter durch die Jahrzehnte geändert haben. Infamous New York ist überall – in Manhattan, in der Bronx, in Queens, in Brooklyn, in Harlem, auf Staten Island und in Brighton Beach.

     Man braucht einfach mal schnell Autoren und die fünf boroughs mit ihren Untergliederungen durchlaufen zu lassen, um zu sehen, wie engmaschig NYC kriminalliterarisch kartografiert ist:

     Harlem von Chester Himes, Hell´s Kitchen von Thomas Adcock, Brighton Beach von Reggie Nadelson, Brooklyn von Jonathan Lethem, die Bronx von Jerome Charyn, Queens von Bob Leuci,  Manhattan von Damon Runyon, Mickey Spillane, Jerry Oster. Lawrence Block, Colin Harrison, Carol O´Connell und Nathan Larson;  und selbst da, wo New York City nicht New York City heißt, stimmt es auf den Punkt: egal, ob Gotham oder Isola (also bei Ed McBain) – und man könnte noch ganze Seiten mit Namen und den dazugehörigen neighborhoods und barrios füllen.

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