Liebe Leserinnen und Leser,

Tatorte gelten gemein hin als jene Orte, an denen Leichen gefunden werden, obwohl ein Mord sich mitunter auch an anderer Stelle ereignet hat. Ein Schriftsteller wird also genau überlegen, wo er die Tat hin verlegt. Die neue Ausgabe der Polar Gazette interessiert die Frage, ist es so, dass Autoren nur an einem bestimmten Ort den kriminellen Neigungen ihrer Protagonisten nachgehen können, weil dieser Ort ihre Fiction/Faction freisetzt? Liegt es daran, dass sie in der Nähe geboren sind, schon immer in der Stadt wohnten? Oder dass sich bestimmte Abgründe nur in einem abgelegenen Landhaus oder zwischen Häuserschluchten ereignen können? Und was bedeutet es für einen Schriftsteller, wenn er den Ort seiner Handlungen mit einmal verlässt? Plötzlich in der Karibik auftaucht oder nach Afrika übersiedelt?

In „Infamous New York“ wandert Thomas Wörtche anhand der Schriftsteller durch Big Apple und sucht jene Orte auf, an denen ihre Geschichten spielen. Für Léo Malet, den Begründer des modernen französischen Kriminalromans gab es nur Paris. Mit Nestor Burman wandert er von Arrondissement zu Arrondissement und liefert eine kriminelle Typografie der französischen Hauptstadt. Während es bei Veit Heinichen in „Mediterrane Lebensart“ von Michaela Hövermann der italienische Schauplatz um Triest ist. Dass ein Autor mittels einer Crimestory ein geteiltes Land spiegeln kann, wissen wir nicht erst seit John Le Carré und seinen Agent Alec Leamas und seinem dramatischen Ende an der Berliner Mauer. David Peace stellt sich in seinen Tokio-Thrillern gleich einem anderen Kulturkreis.  In „Tokio, reloaded“ beschreibt Carsten Germis den Weg einer Annäherung. Jörg Walendy kennt sich als Diplomat in den arabischen Ländern aus und hat den Arabischen Frühling miterlebt. Sein „Friedhof der Utopien, strahlend schön“ sieht Algier als einen Nicht-Ort unserer Sehnsüchte vor dem Hintergrund des aufziehenden Islamismus. Letztlich stellt sich die Frage nach unserem eigenen Lieblingstatort. Wo wollen wir als Leser, dass gemordet wird? Kehren wir nicht nur zu unseren Lieblingskommissaren zurück sondern auch zu einer bevorzugten Stadt, aufs platte Land unserer Kindheit? Für Anne Chaplet kann das in ihrer Story „Countdown in Selm“ nur die Stadt im Kreis Unna sein.

Bevor ein Schriftsteller den ersten Satz schreibt, stellt er sich die Geschichte vor. Seine Figuren, seine Orte, den ersten Satz. Vieles ändert sich im Laufe der Überarbeitungen. Nach der dritten, vierten erscheint der Plot vielleicht zu kompliziert, der Mörder zu langweilig, der Ort falsch gewählt, weil die Realität allem widerspricht. Tatorte sind Mosaikstücke, gleichen einem Kürzel, einer Signatur, mit der etwas abgesegnet wird. Jene Orte, zu denen wir Leser Schriftstellern erst folgen, wenn sie den Platz längst verlassen haben.

Viel Spaß beim Lesen

Ihre

Polar Gazette